EINE GESCHICHTE VON ISABELLEHEROLD

 

Ich kam nach einem ganz gewöhnlichen Tag nach Hause. Schon als ich durch die Haustür ging, merkte ich, dass irgendwas los war. In der Küche sass dann auch meine ganze Familie und hatte grosse Fragezeichen in den Augen. «Was ist denn?» fragte ich. «Haustier ist blau!» kam es wie aus einem Munde. Erst glaubte ich, mich verhört zu haben und konnte mir das nicht wirklich vorstellen, aber offenbar entsprach es der Wahrheit.

Bei den meisten Familien haben Haustiere ja einen «richtigen» Namen, aber bei uns hiess es eben «Haustier». Das kam daher, dass wir uns nicht auf einen Namen einigen konnten … seit Monaten nicht, und inzwischen diskutierten wir es gar nicht mehr und mit «Haustier» wussten ja auch alle, wer gemeint war.

Und nun war es blau.

Ich schaute vom einen zum anderen. Suchte in ihren Gesichtern nach Zeichen, die mir helfen würden, die eben gehörten Worte zu deuten. Die mir Anhaltspunkte geben könnten, wo auf der Skala der Haustier-Katastrophen es wohl diesmal zu verorten sei. Mama setzte ein träges Lächeln auf, begleitet von einem tiefen Seufzer. Jonas verdrehte die Augen und wandte sich wieder seinem Handy zu. Papa rückte seine Brille zurecht und nickte stumm mit dem Kopf zum Korridor, der zum hinteren Teil der Wohnung führte. Kiki in ihrem Trip Trap schien als einzige zu begreifen, dass diese drei Worte nach weiteren Erklärungen verlangten, doch ausser wiederholtem Rufen von «blau blau ‘autieee», begleitet von aufgeregtem Fuchteln mit ihren feinen Ärmchen, konnte man nichts von ihr erwarten.

Also folgte ich der Kopfbewegung meines Vaters und ging in den Korridor. Die Schieferplatten am Boden glänzten dunkel, vermutlich waren sie eben erst nass aufgenommen worden. Was hatte Haustier wohl diesmal angestellt? Seit Tante Rosalie es mir letztes Jahr auf meinen zwölften Geburtstag geschenkt hatte und mir damit meinen grössten Herzenswunsch erfüllte, hatten wir ja schon so einige Überraschungen erlebt. Anfangs die lebendigen «Geschenke» aus dem Garten. Dann die freche Attacke auf unser Weihnachtsessen. Und kürzlich die die Episode mit Mamas Kaschmirpullover, dessen lange Wollfäden Haustiers Spielfreude zur Höchstform auflaufen liessen… Ja, unsere Familienharmonie wurde schon mehrmals auf harte Probe gestellt! Was war sein neuster Streich?

Die Tür zu meinem Zimmer stand angelehnt. Hatte Haustier sich hierhin verkrochen? Ich liess den Blick durch das Zimmer schweifen – nichts. Ich bückte mich und schaute unter den Schreibtisch. Nichts. Ich legte mich flach auf den Bauch um unter Schrank und Bett zu spähen. Aber ausser einer Socke und ein paar Staubwedeln war auch dort nichts. Keine Spur von Haustier. Doch, da war etwas! Auf der Brüstung des offenen Fensters entdeckte ich blaue Schleifspuren. Ich lehnte mich hinaus, und tatsächlich, unter dem Fenster, zwischen den Hortensiensträuchern, sass der kleine Übeltäter und schaute mit unschuldigem Blick zu mir empor. Sein Fell war mit himmelblauen Flecken übersäht. Es harmonierte perfekt mit dem Naturblau seiner Augen und dem Lila der Blumen.

«Bleib, wo du bist», sagte ich beschwörend. Vorsichtig kletterte ich über die Fensterbrüstung und liess mich sanft ins Beet fallen. Haustier stand da wie angewurzelt. Ich war der einzige der Familie, von dem er sich anfassen liess, wenn überhaupt. Jonas hatte einmal versucht, ihn einzufangen, eben damals an Weihnachten, als Haustier wie eine Rakete direkt auf unsere Fondue chinoise-Platte geschossen kam. Die Folge? Tiefe Kratzer an den Armen und ein Biss im Handgelenk, der bis zum Neujahr sichtbar blieb. Seither ignorierten sich Jonas und Haustier konsequent. Meine Eltern waren ihm auch nicht besonders zugetan, aber sie sagen, immerhin läge ich ihnen nun nicht mehr mit meinem Gejammer nach einem Tier in den Ohren. Kiki war nebst mir die einzige, die echte Freude an Haustier hatte. Zu ihrer Enttäuschung war die Zuneigung allerdings recht einseitig, jedenfalls suchte er jeweils schnell das Weite, wenn sie sich krabbelnd näherte.

«Komm zu mir», flüsterte ich leise und hielt meine Handfläche offen hin. Haustier schaute mich erst eine Weile an und tapste dann unter den Blättern hindurch zu meiner Hand, schnupperte daran und wollte sich anschmiegen. «Nein, mein Lieber, erst putzen und dann erst schmusen, sonst sehe ich aus wie du!» lachte ich und hob Haustier am Grips hoch. Behutsam trug ich ihn zum Gartenhäuschen. Jetzt wurde mir auch klar, woher die blaue Farbe kam: Es hatte sich die Büchse mit Malerfarbe vom Gestell geangelt, die dort lagerte, seit wir die Fensterrahmen des Gartenhäuschens im letzten Sommer frisch angestrichen hatten. Nun lag sie offen am Boden, offenbar hatte Haustier seine Pfötchen in die ausgelaufene Farbe getaucht, bevor es sich an die «Katzenwäsche» machte.

Ich befeuchtete ein altes Handtuch mit etwas Wasser aus dem Gartenschlauch und versuchte Haustier sauberzukriegen. Doch die Farbe liess sich nicht herauslösen; im Gegenteil, durch das Rubbeln verschmierte das Fell nur noch mehr. «Mamaaaaa!» rief ich laut. Mama kam angelaufen, Kiki auf dem Arm. Hinter ihr Jonas, der beim Anblick des blauen Fellballs in prustendes, schadenfreudiges Lachen ausbrach. Natürlich zückte er sogleich sein Handy und hielt den Moment mit der Kamera fest. Mama holte ein Spezialmittel aus ihrem Apothekerschrank, mit dem sich die Farbe problemlos entfernen liess. Haustier hielt während der Prozedur ganz still, fast als schämte es sich ein bisschen.

Am Abend, ich war schon fast eingeschlafen, vernahm ich, wie Haustier in mein Zimmer schlich. Es sprang hoch aufs Bett, tastete sich vorsichtig über die Decke und legte sich schnurrend neben meinem Kopfkissen nieder. Ich strich ihm über das Fell, das wieder in seidigen Siam-Tönen glänzte, aber noch immer etwas nach Chemie roch. «Zeit, dass du endlich einen richtigen Namen erhältst», flüsterte ich ihm leise zu. «Ich nenne dich Surprise».

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