EINE GESCHICHTE VON EMANUELFLEUTI

 

Anna fühlte sich leicht und beschwingt. Allerdings passte es irgendwie nicht so zum trüben und nassen Wetter. Der Nebel hing wieder tief. Aber es war ihr egal. Der gestrige Tag hatte ihr Leben verändert, auch wenn sie sich selber noch nicht so klar darüber war, wie. Sie schwebte zwischen Traum und Wirklichkeit. Den Park, den sie im Traum immer wieder gesehen hatte, war selber voller Träume – oder doch Wirklichkeit? Sie hatte endlich die Strasse überquert, von der sie immer träumte und hatte den Park betreten.

Und dann war die Welt anders. Sie tauchte in Abenteuer nach Abenteuer ein. Ein Nashorn, das sie kraulte, einen Frosch, den sie nicht küsste, ein Wichtel, der sie bei der Hand nahm, einen Sultan, mit dem sie ein Festmahl genoss und ein kleines Kamel, das sie über und über mit farbigen Zebrastreifen verzierte. Es hatte sich angefühlt, wie wenn sie eine Prinzessin war.

Anna blieb in Gedanken hängen und kam fast zu spät zur Schule. Sie konnte sich nicht richtig konzentrieren und war etwas abwesend. Es war in der zweiten Pause, als sie auf dem Gang angesprochen wurde. “He du Prinzessin”, sagte ein Junge hinter ihr, “hast du eben das hier verloren?”

Anna drehte sich um. Wer war dieser Typ, dachte sie. Ich kenne ihn nicht, aber irgendwie kommt er mir bekannt vor. Keine Ahnung. Der Junge öffnete die Hand. Anna blickte ungläubig. Er hielt ihr ein Diadem entgegen. Es war ihres. “Das kann doch nicht wahr sein”, entfuhr es ihr unwillkürlich. Sie war sicher, sie hatte es zu Hause auf dem Tisch liegenlassen. Und doch war es genau das. “Warum nicht?”, entgegnete er keck, “für mich sieht es sehr wahr aus.” Anna blickt auf. “Ja, es ist mir” sagte sie schliesslich, immer noch ungläubig. “Woher hast du es und wie heisst du eigentlich?” – “Ich heisse Kasimir”, antwortete der Junge. Auf die erste Frage gab er allerdings keine Antwort.

Anna stockte der Atem. Kasimir? Wie das Nilpferd aus dem Park? So sah er aber gar nicht aus. Sie wusste nicht, was sagen. “Nun dann”, meinte Kasimir mit einem Schulterzucken, “man sieht sich”. Er drehte sich um und hievte seine Tasche auf die Schulter. Am Riemen war ein kleines Figürchen befestigt. Es war klein und türkisfarben. Anna schluckte leer, fasste allen ihren Mut zusammen und rief hinter Kasimir her: “Du solltest Türksi nicht einfach an den Riemen hängen!”

Diesmal stockte Kasimir mitten im Schritt und drehte sich ruckartig um. “Woher kennst Du seinen Namen?” fragte er. Nun war es an Anna, keine Antwort zu geben. Der Gong klingelte.

Anna war noch etwas abwesender in der nächsten Stunde. Gestern schien ein Tag gewesen sein, der das Welt- und Zeitgefüge etwas durcheinander gewirbelt hat, dachte sie zwischendurch. So viele Zufälle gab es irgendwie ja doch nicht auf dieser Welt.
Obwohl sie überall suchte, sie fand Kasimir diesen Morgen nicht mehr in der Schule. Es gibt nur eins, dachte sie: Ich muss zurück in den Park. Dort lag die Lösung.

Es dämmerte schon, als sie endlich wieder an der Strasse von gestern stand. Rasch überquerte sie den Zebrastreifen. Gerade als sie das Tor öffnen wollte, ging es auf.

Kasimir stand ihr gegenüber, lächelte verschmitzt und sagte: “Willkommen zurück, Anna, wir warten auf dich.” Tatsächlich, hinter der Wegbiegung, auf der Lichtung schien es eine grosse Party zu geben. Sie sah den Sultan, der ihr zuwinkte, das Eichhörnchen, das sie an der Hose zupfte und dann kam auch schon Zeb-Karamel, das kleine Kamel, das früher Mini-Mel hiess, mit den Zebrastreifen und leckte sie, oder eher sabberte sie voller Freude ab und an.

Millionen von Glühwürmchen erhellten die Szene. Anna lachte. “Kasimir, du musst mir wohl was erklären”, forderte sie. “Gerne”, meinte er und deutete auf einen Baumstamm, der dort lag. “setz dich doch hin.”

“Dies hier ist Wunderland. Allerdings ist es ein etwas spezielles Wunderland. Es ist nämlich nur zugänglich für Leute, die auch für Wunder zugänglich sind. Offensichtlich bist du dies. Du hast von diesem Ort geträumt, oft geträumt, aber Türksi musste dir ein paar Einladungen schicken, bist du gekommen bist. Und ich habe mir gestattet, noch ein Diadem hinzulegen. Manchmal hilft dies!” Er lächelte wieder und errötete leicht.

Anna fragte dazwischen: “Aber ist das hier Traum oder Wirklichkeit?” – “Das ist eigentlich egal”, erwiderte Kasimir, “wichtig ist, dass du es sehen, fühlen, hören und erleben kannst.”

“Und ist es immer da?” fragte Anna schon fast ungeduldig. Da kam Türksi und erklärte: “Ja, es ist immer da, aber es ist auch immer in deiner Phantasie vorhanden.”

Anna nickte. Es war wieder Zeit zu gehen, auch wenn sie bleiben wollte. Sie verabschiedete sich von allen und ging. Sie würde wiederkommen, immer wieder, sie wusste es. Es wird hier im Park für sie immer ein Morgen, Heute und Gestern geben. Und sie war glücklich.

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