EINE GESCHICHTE VON KÜMMEL

 

Anna erwachte. Wiederum aus ihrem schon bekannten Traum. Diesmal war es jedoch anders. Sie blieb nicht stehen wie sonst, sondern ging durch das Tor! Von aussen sah sie im Traum immer diesen schönen verwunschenen Park, aber kaum war sie durch das Tor gegangen, stand sie im Nebel. Lustiger Nebel. Ein bisschen rosa, ein bisschen hellblau und etwas glitzernd. Das machte sie nun wirklich neugierig und sie beschloss, ihren Entscheid von gestern in die Tat umzusetzen. All die Fragen, welche sie sich gestern gestellt hatte, verlangten nach Antworten.

Anna, nun hellwach, zog ihr schönstes Kleid an und vergass auch das gestern gefundene funkelnde Diadem nicht. Mit einem unauffälligen «Tschüss» huschte sie aus dem Haus. Kaum draussen, setzte sie sich das Diadem auf. Normalerweise hätte sie viel Mut gebraucht, um so aufzufallen, aber heute war es irgendwie normal. Die Leute lächelten sie auch besonders freundlich an, also konnte daran nichts wirklich falsch sein. Kaum ums Eck, fing ein Stein aus dem Diadem wie ein Laserstrahl zu leuchten an und sie ging ihm einfach nach. Es dauerte nicht lange und sie stand vor dem Zebrastreifen, den sie aus dem Traum kannte. Eigenartigerweise blieb aller Verkehr stehen und sie ging ohne Zögern über die Strasse. Dort sah sie gleich das verschlossene und verwunschen anmutende Tor. Anna fragte sich, wie sie da nun reinkommt. Wie sie sich fragend umsah traf der Strahl des Diadems zufällig auf das Schloss des Tors und dieses begann zu knirschen und knarren (irgendwie wusste sie, dass das nicht immer so laut war – von einem «anderen heute» möglicherweise?). Sie zielte, diesmal absichtlich, mit dem Diadem Strahl auf das Schloss und siehe da, das Tor ging auf. Ein bisschen aufgeregt, aber entschlossen, ging sie in den Park und stand, wie schon in ihrem Traum, in diesem farbigen Nebel. Auch wenn sie nichts sah, ging sie mutig weiter und fühlte plötzlich Sand unter ihren Füssen. Es war warm, sehr warm und sie hörte ein leises Klingeln, wie von tausend Glöckchen. Wenn sie stehen blieb, hörte das Klingeln auf und es dauerte einen Moment bis sie realisierte, dass sie ein wunderschönes Kleid mit unendlich vielen Pailletten und winzigen Glöckchen dran trug. Es glitzerte und funkelte und sie fühlte sich wie eine richtige Prinzessin. Ein glückliches Lächeln stand in ihrem Gesicht, das sich zu einem fröhlichen Lachen wandelte, als sie das ihr irgendwie bekannt vorkommende Nashorn sah. «Hallo Nashorn» begrüsste sie es freundlich, «wie heisst du denn eigentlich?» «Kasimir heisse ich und du?» «Ich heisse Anna.» «Aha. Und was machst Du hier, kleine Prinzessin Anna?» Anna wollte gerade antworten, als sie realisierte, dass sich der Nebel ein wenig gelichtet hatte und vor ihr ein kleiner türkisfarbener Wichtel auftauchte und sie an der Hand nahm. Sie war ja selbst noch nicht so gross aber sie musste sich fast ein wenig bücken, so klein war der Wichtel. Er guckte sie verschmitzt an und meinte: «Da bist du ja endlich!» und zog sie mit. Sie konnte grad noch ein «Tschüss Kasimir» über die Schulter rufen. Kasimir nickte ihr zu und weg war sie. «Weisst du, es hat mich einige Traumbriefmarken gekostet, bis du dich tatsächlich auf den Weg gemacht hast.» Aha, dachte Anna, es gibt sie also doch, die Wichtel. Und es gibt offenbar welche, die Träume verschicken.

Der Nebel lichtete sich nun ganz und es wurde gleissend hell und noch etwas wärmer. Anna sah Sand, Wüste und eine grosse Karawane. Bei dieser angelangt, stellte der Wichtel, er hiess übrigens Türksi, sie als Prinzessin Anna aus der kühlen Welt vor. Sie wurde herzlichst willkommen geheissen und hatte überraschenderweise keinerlei Verständigungsprobleme. Sie wurde auf ein Kamel gesetzt, als hätte sie noch nie etwas anderes gemacht als auf einem Kamel zu reiten. Nach anfänglicher links-rechts-links-rechts-Rutscherei ging es ganz gut. Nach einer Weile kamen sie zum Palast des Sultans und es gab Anna zu Ehren ein Festmahl. Sie genoss es, so bevorzugt behandelt zu werden und vermisste grad weder die Schule noch ihre Hausaufgaben.

Nach dem Essen zogen sich alle für ein Schläfchen zurück, aber Anna war hellwach. An Schlafen war nicht zu denken! Sie spazierte im Palast umher, bewunderte die ganze Pracht, staunte über die wunderschöne Architektur und fragte sich, weshalb zuhause alles in kaltem Beton und Glas gebaut wurde. Türksi war stets in ihrer Nähe und passte wohl auf sie auf. Irgendwann kam sie zu der offenen Koppel und den Stallungen der Kamele. Kamele kannte sie, ausser vom Ritt zum Palast nur vom Zoo. Ihrer Meinung nach waren es die Tiere mit den imposantesten Wimpern und dem eindrücklichsten Augenaufschlag, was sie hier bestätigt bekam. Sie ging umher, streichelte die Kamele ohne Scheu und freute sich über deren Zutraulichkeit. Türksi beobachtete sie wohlwollend, wie sie aus dem Augenwinkel feststellte, aber irgendwas führte der Wichtel doch im Schilde, oder täuschte sie sich?

Noch während ihrem letzten Gedanken zu Türksi entdeckte sie in einer Ecke im Stall ein kleines Kamel. Es stand mit dem Kopf zur Wand und sah unglücklich aus. Anna ging zu ihm hin und schaute ihm in die grossen braunen, ja fast schwarzen, Augen, woraufhin sich daraus zwei dicke Tränen lösten und in den Sand fielen. «Was ist denn mi dir los?» fragte Anna besorgt. Das kleine Kamel sniefte, schaute zu Boden und es kullerten nochmals ein paar Tränen aus den schönen traurigen Augen. «Wie heisst du denn?» fragte Anna, nachdem sie auf ihre erste Frage keine Antwort erhalten hatte. «Mini-Mel. Das ist eine Abkürzung für kleines Kamel, weil ich eben so klein bin», schluchzte es. Anna versuchte es nochmals: «Und sag, was macht dich denn so unglücklich?» Nach zwei weiteren tiefen Seufzern antwortete Mini-Mel: «Ich wäre so gerne etwas Besonderes, aber ich bin einfach nuuur klein». «Na ja, zumindest grösser als ich bist du ja schon mal und wachsen wirst du auch noch, genau wie alle anderen», erwiderte Anna. «Ja schon, aber das geht viel zu lange und ich möchte jetzt etwas Besonderes sein!». Um ihrer Aussage noch etwas Nachdruck zu verschaffen, stampfte Mini-Mel mit dem linken Vorderfuss in den Sand. Anna hakte nach: «Hast du denn eine Idee, liebe Mini-Mel, was du gerne sein möchtest?» Jetzt strahlten die grossen Augen Anna an und im Brustton der Überzeugung sagte Mini-Mel: «Ein Zebra, ja, ein Zebra möchte ich sein!» Anna stutzte und meinte: «Soweit ich weiss, gibt es in eurer Wüste hier aber gar keine Zebras, liebe Mini-Mel.» «Ja eeeben!» war die deutliche und ein bisschen enttäuschte Antwort. Schon wieder jemand mit Logik und zu wenig Phantasie. Das hatten ihre alle ihre Verwandten und Freunde längst erklärt. Sie wollte sich schon abwenden, als Anna eine Idee hatte.

«Türksi, kannst du eigentlich zaubern? Und falls ja, könntest du bitte Pelzfarben herzaubern?» Anna hatte den Satz kaum fertig gesprochen, stand eine grosse Kiste mit vielen verschiedenen Pelzfarben vor ihr. Sie war ziemlich verblüfft. Einerseits über den superschnellen Zauber und andererseits darüber, dass sie überhaupt wusste, dass es so etwas wie Pelzfarben gab. Aber egal, sie waren nützlich und das reichte für den Moment. «Also Mini-Mel, jetzt geht’s los mit deiner Besonderheit. Bist du bereit?» «Jaaa, sowas von!» strahlte das kleine Kamel. Anna sah die Gebrauchsanweisung durch – man weiss ja nie bei solchen Zauberdingen – und gab Mini-Mel die Anweisung, ganz fest an ein Zebra zu denken. «Und Augen zu, bitte», fügte sie noch an. Sie nahm weisses Pulver in die eine und grünes Pulver in die andere Hand. «Hast du’s?» Mini-Mel nickte und hielt die Augen fest geschlossen. Anna warf die Farben auf Mini-Mel, die augenblicklich grün-weiss gestreift dastand. Anna grinste und Türksi kugelte sich vor Lachen. Die anderen Kamele wurden auf das Spektakel aufmerksam, stellten sich drum herum wie in einem Theater und amüsierten sich ebenfalls. Mini-Mel sah sich in den mit den Pelzfarben mitgelieferten Spiegel und schaute Anna entsetzt an: «Aber Zebras sind doch nicht grün-weiss!» «Ich weiss Mini-Mel, aber ich konnte es mir nicht verkneifen und wir müssen doch erst mal ein bisschen üben, oder?» Mini-Mel hielt den Kopf schief und zeigte so langsam ein leicht gequetschtes Lachen. Sie begannen mit den Farben zu spielen und sie freuten sich über die wildesten Zebrafarben, es war ein Spektakel. Als Mini-Mel grün-lila gestreift war, wurde ihr schwindlig und sie fiel um. Das fand sie sehr lustig, vor allem, weil alle zuschauenden Kamele auch schwankten und umkippten. Es hatten alle einen Riesenspass.

Irgendwann meldete sich Türksi und sagte, dass der Pelzfarbenkasten nur für eine Stunde zur Verfügung steht und dass die letzte Farbe dann die bleibende sein werde: «Zehn Minuten habt ihr noch». Mini-Mel schaute Anna an und sagte: «Ich will ein richtiges Zebra mit schwarz-weissen Streifen sein». Anna meinte: «Bei mir zuhause sind die Zebrastreifen aber meistens schwarz-gelb». Das konnte sich Mini-Mel nicht vorstellen und war sich sicher, dass das Tigerstreifen sein müssen. Und nein, Tiger kam nicht in Frage: «Mir egal, ich will schwarz-weiss». Sie war von dieser schwarz-gelb Idee etwas verwirrt und versuchte sich das vorzustellen. Immer wenn Mini-Mel sich etwas vorstellte, dann dachte sie an einen Adler und betrachtete die Welt sozusagen von oben. Genau in dem Moment warf Anna die Farben und vor ihnen stand ein riesiger schwarzer Adler mit einem weissen Kopf. Der hatte allerdings vier Beine und zwei Höcker. Es war der Brüller und mit fliegen war natürlich nix! Anna wusste aus dem Biologie-Unterricht, dass das ein Weisskopfseeadler war und dass der vor allem in Kanada und Alaska vorkam, aber das tat jetzt grad nichts zur Sache.

«Mini-Mel, konzentriere dich auf ein Zebra, wir haben noch drei Minuten», meldete sich Türksi. Mini-Mel schloss nochmals die Augen und gab sich alle Mühe an ein wunderschönes Zebra zu denken. Anna warf schwarz-weiss und vor ihnen stand ein tolles Zebra mit zwei Höckern. Mini-Mel sah sich im Spiegel und war überglücklich! So besonders war sie! Die beiden Höcker störten sie überhaupt nicht, denn ohne diese würden ihre Reiter und Reiterinnen ja runterfallen. Alle Kamel-Zuschauerinnen und -Zuschauer trampelten begeistert und schwupps war der Pelzfarbenkasten verschwunden. Die Streifen blieben. «Nun, liebe Mini-Mel, jetzt wo du so ein grosses Zebra bist, passt dein Name aber nicht mehr», meldete sich ihr Papa, der die ganze Zeit mit Neugier und auch ein bisschen Sorge daneben stand. Er war so froh, seine Tochter so glücklich zu sehen, Streifen hin oder her. Es begannen alle mehr oder weniger gute und lustige Vorschläge für einen neuen Namen zu machen, aber nichts passte so wirklich. Da hatte Türksi eine Idee: «Am besten machen wir ein Anagramm aus Zebra und Kamel und da kenne ich einen, der heisst Tony, der kann das richtig gut!» Türksi schickte eine Zaubermail in die Luft und die Antwort von Tony kam postwendend: «Zeb-Karamel». «Danke Tony, das ist ein wunderschöner Name und ich bin sooo glücklich über den heutigen Tag», flüsterte nicht mehr Mini-Mel und verdrückte ein Freudentränchen. Tony schickte ein Smiley.

Es war nun Zeit für Anna zurückzugehen. Sie verabschiedete sich von allen und versprach, bald einmal wiederzukommen. Türksi drückte ihr ganz fest die Hand und sagte: «Herzlichsten Dank, liebe Anna, du bist wirklich eine Prinzessin». Zeb-Karamel ging in die Knie, Prinzessin Anna stieg in ihrem schönen Kleid auf und wurde zum Tor gebracht. Kurz davor begegneten sie Kasimir, der zweimal blinzeln musste ab dem lustigen Zebra mit den beiden Höckern. Er wünschte den beiden guten Tag und graste weiter. Er hatte in seinem langen Leben schon so viel schräges Zeugs gesehen, dass er sich mit einem zebragestreiften Kamel nicht lange aufhielt. Beim Tor verabschiedeten sich Zeb-Karamel und Anna. Vor lauter Glück schlabberte Zeb-Karamel mit ihrer langen Zunge quer über das Gesicht von Anna. Dabei entdeckte Anna, dass die Zunge auch schwarz-weiss gestreift war. Längs! Sie gluckste vor Lachen, sagte aber nichts als: «Tschüss und bis bald» und ging glücklich hüpfend wieder nach Hause.

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