EINE GESCHICHTE VON EMANUELFLEUTI

 

Von links kamen noch zwei Autos und von rechts ein Lastwagen, dann war eine Lücke im Verkehrsfluss. Anna holte tief Luft und überquerte den Fussgängerstreifen. Sie hatte nach zwei Tagen endlich die Strasse mit dem Park auf den anderen Seite gefunden, von dem sie schon mehrmals geträumt hatte. Es fühlte sich leicht und entspannt an, die Strasse zu überqueren. Keine Fragen warum und wofür, keine Überlegungen was nachher kommt und ob es einen Weg zurück gäbe. Denn sie wusste: heute war der Tag.

Das Tor zum Park war wie im Traum: etwas abgegriffen, rostig, musste aber früher schon schön und glänzend gewesen sein. Es liess sich geräuschlos öffnen. Anna hatte ein Quietschen erwartet. Sie schloss das Tor wieder hinter sich und fühlte sich auf einmal wie verwandelt und wie in einer anderen Welt. Diese hatte sie auch im Traum noch nie gesehen.

Sie blickte um sich und sah eine grosse grüne Wiese, unbekannte hohe Pflanzen, alte knorrige Bäume und dazwischen durch ein Weg. Sie ging weiter. Auf dem Boden sah sie eine Nuss liegen und bückte sich, um sie aufzuheben.

“He!” rief da plötzlich eine feine Stimme, “lass gefällig mein Mittagessen liegen!” Anna schreckte zurück und blickte sich fragend um. Links oben auf dem Baum entdeckte sie ein Eichhörnchen.

“Tut mir leid”, murmelte Anna, erstaunt darüber, dass sie nicht nur die Tierstimme hören und verstehen konnte, sondern auch, dass sie gleich antwortete. Eigentlich hatte das Eichhörnchen ja Recht. Anna trat ja schliesslich in seine Welt und wollte ihm gleich das Essen wegnehmen. Nicht die feine Art.

Vorsichtig ging sie weiter. Da, weiter vorne war eine Lichtung. Sie entdeckte ein Nashorn, das gemütlich vor sich in schnaubte. Es spielte mit den Ohren, als es Anna sah.

“Juhui”, rief Anna vor Freude und klatschte in die Hände, “ich liebe Nashörner. Die sind wie Einhörner, nur fetter!”(1) Das Nashorn wackelte noch etwas heftiger mit den Ohren und wurde vor Verlegenheit und Freude noch etwas grauer als es sonst schon war.
Sie bog um eine grosse dicke Buche und stand plötzlich vor einem kleinen Tümpel. Während sie noch darüber nachdachte, wo es wohl weitergehe, hörte sie eine tiefe Stimme.

“Hallo, kleine Prinzessin, ich bin hier, auf dem dritten Seerosenblatt von links. Streck mir deine Hand hin.” Anna starrte angestrengt auf den Tümpel und zählte die Seerosenblätter. Da, tatsächlich, da sass doch ein grosser stattlicher Frosch auf dem Blatt. Anna streckte die Hand aus und der Frosch sprang darauf.

“Wer bist du denn?” fragte Anna erstaunt.

“Tja, lange Geschichte”, antwortete der Frosch, “aber eigentlich bin ich ein verzauberter reicher Prinz. Ein Kuss von dir und ich kann mich zurückverwandeln.”

Anna verstand die Welt nicht mehr – ausser sie war gerade in einer fremden gelandet. Was ja eigentlich schon so war. Nicht nur konnte sie Tierstimmen verstehen, sondern nun tauchte noch ein verwandelter Frosch auf. Sie schüttelte den Kopf, schloss die Augen und öffnete sie wieder. Doch der Frosch war immer noch da. Das gab es doch nur im Märchen.

“Hmm”, meinte Anna, “ginge auch eine Hormonbehandlung?” Nun schüttelte der Frosch seinen Kopf – so gut es eben ging.

Anna verfiel ins Nachdenken und Grübeln, eine Eigenart von ihr. Sie wusste, es gab nicht mehr viele Prinzen und da war wohl gerade einer auf ihrer Hand – sagt er. Und er wäre reich – auch nicht abzulehnen. Aber was ist, wenn es kein Prinz war? Statt jung und stattlich nur ‘und’? Und statt eines Six-packs ein One-Barrel? Und überhaupt. Sie war ja selber keine wirkliche Prinzessin – auch wenn sie sich gerne wie eine fühlen möchte. Was nun, wenn der Prinz auf der Suche nach einer Prinzessin war? Ausser Spesen nichts gewesen?

Sie fühlte sich etwas überfordert. Fragen über Fragen und keine Antworten. Sollte Probieren einfach über studieren gehen? Sie drehte den Kopf und da blendete sie plötzlich etwas im Auge. Sie blinzelte, doch es blendete schon wieder was. Mit dem Frosch in der Hand schaute sie genauer hin und entdeckte auf dem Boden ein funkelndes Steinchen, genau wie die im Diadem, das sie nach dem Traum vor ein paar Tagen im Bad gefunden hatte.

Die Wichtel, fuhr es ihr durch den Kopf. Die Wichtel wollten ihr ganz offensichtlich etwas sagen. Aber da es diese ja eigentlich gar nicht gab, hörte sie auch keine Stimmen. Sie dachte angestrengt nach.
“Rasch”, drängte da plötzlich der Frosch auf ihrer Hand. “Küss mich, sonst kannst du keine reiche Prinzessin werden.”

Anna verstand. Sachte setzte sie den Frosch wieder auf dem Seerosenblatt ab. “Ist schon gut”, sagte sie, ” ich kenne dich aus dem wirklichen Leben schon: Ich weiss nicht wer du bist, denn nur du sagst, du seist sicher kein Frosch, sondern ein Prinz. Du versprichst mir Reichtum und du drängst mich, dafür sofort was zu tun. Weisst du was? Ich nenne dich einfach Malware.” Der Frosch antwortete nicht, sondern machte einen grossen Sprung. Dass er sich dabei im Seerosenblatt verhedderte und ziemlich unsanft ins Wasser platschte, machte seinen Abgang auch nicht eleganter.

Anna atmete auf. “Danke, Wichtel”, sagte sie ins Nichts hinaus. Beschwingt ging sie weiter, neugierig, was sie sonst noch erleben werde. Im Traum war auch ein Schloss vorgekommen, aber gesehen hatte sie noch keines. Sie wusste nicht mehr, ob dies nun Traum, fremde Welt oder Märchen war. Egal, dachte sie und ging weiter.

Sie hörte ein Rascheln hinter sich und drehte sich ängstlich um. Vor Schreck sprang sie rückwärts und wäre fast hingefallen. Vor ihr stand das Nashorn von vorher.

“Keine Angst”, sagte das Nashorn, “ich wollte nur nachsehen, wie es dir geht.” Anna war erleichtert und ging vorsichtig näher. Das Nashorn spielte wieder mit den Ohren. Anna kraulte es ein bisschen am Rücken und das Nashorn schnaubte vor Freude. Zusammen gingen sie weiter.
Der Weg kam Anna irgendwie bekannt vor und richtig: kurz darauf standen sie wieder vor dem Tor. Anna schaute nach der Sonne und bemerkte, dass es schon spät war. Sie wusste: es war Zeit das Heute zu beenden. “Ich komme wieder”, sagte sie zum Nashorn. Und das war ein Versprechen, keine Drohung.

(1): Spruch auf einer Postkarte – Quelle unbekannt.

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