EINE GESCHICHTE VON TONYETTLIN

 

„Papa!“
„Ja, Sabrina?“
„Was ist ein Wichtel?“
„Ein Wichtel? Woher hast du denn dieses Wort?“ Remo legt die Zeitung weg und schaut seine fünfjährige Tochter verwundert an.
„Ich habe in der Bibliothek ein Buch gesehen mit einem Zwerg auf der Titelseite.“
„Ja, ein Wichtel ist ein Zwerg, der im Wald lebt und den Menschen und Tieren hilft, wenn sie Schwierigkeiten haben.“
Sabrina nickt und vertieft sich wieder in ihr Buch über Tiere in Afrika. Remo wartet. Er weiss, dass noch mehr kommen wird.
„Papa, hast du schon einen Wichtel gesehen?“
„Nein, nur in Büchern.“
„Wie weißt du dann, dass es die Wichtel wirklich gibt?“
„Eben, weil in Büchern darüber geschrieben wird. Wichteln kommen in Märchen vor und manchmal kann man etwas Gutes, das passiert, nicht anders erklären, als dass die Wichtel es getan haben.“
Sabrina runzelt die Stirne.
„Du meinst ein Wunder?“
Remo spürt, dass er auf dünnes Eis gerät. Er faltet die Zeitung zusammen und wendet sich seiner Tochter zu.
„Also, meine kleine Prinzessin. Das ist es ja gerade mit den Wundern. Es gibt sie, aber man kann sie nicht erklären. Manchmal sagen wir: „Ein Wunder ist geschehen“, und meinen, dass etwas passiert ist, das wir mit unserem Verstand nicht begreifen. So ist es auch mit den Wichteln. Die Menschen erleben etwas Gutes, das sie nicht erklären können und sagen, dass die Wichtel ihnen geholfen haben.“
Sabrina nickt und tut so, als würde sie weiterlesen. Remo wartet und überlegt, was wohl als Nächstes kommen wird.
„Papa, ist ein Zebra weiss oder schwarz?“
Remo schmunzelt und schaut seine Tochter liebevoll und stolz an.
„Ein Zebra ist schwarz-weiss gestreift. Deshalb nennen wir auch die Fussgängerübergänge „Zebrastreifen“.“
„Die sind aber gelb und die Strasse ist schwarz,“ triumphiert Sabrina.
„Ja, da hast du Recht. Aber man nennt sie halt so, weil sie an ein Zebra erinnern. Und man hat vermutlich gelb gewählt, damit man die Streifen besser sieht.“
Sabrina steht auf und stellt sich vor ihren Vater, wie sie es immer tut, wenn sie ihn herausfordert.
„Dann ist also das Zebra schwarz wie die Strasse und hat weisse Streifen!“ Sie schaut ihn ernst an. Remo windet sich.
„So kann man es sehen. Aber vielleicht ist das Zebra weiss und hat schwarze Streifen. Das könnte auch sein. Warum ist das so wichtig für dich?“
Sabrina dreht sich um die eigene Achse und schweigt einen Moment.
„In einem Buch musste ich mal Tiere ausmalen. Alle Tiere waren weiss mit Flecken, die man ausfüllen musste. Die Kühe habe ich blau gemacht mit grünen Flecken. Das Zebra habe ich rot ausgemalt und die Streifen gelb. Mutter hat gesagt, das sei schön, aber es gäbe keine roten Zebras mit gelben Streifen.“
Remo lacht.
„Da hat deine Mutter Recht!“
„Hast du schon mal ein rotes Zebra mit gelben Streifen gesehen?“ Sie pflanzt sich vor ihm auf und schaut ihn fordernd an.
„Nein, es gibt keine roten Zebras mit gelben Streifen.“
Sabrina stampft mit dem Fuss auf den Boden.
„Bei den Wichteln sagst du, es gäbe sie, obwohl du noch nie einen Wichtel gesehen hast. Wie kannst du dann sagen, dass es keine roten Zebras mit gelben Streifen gibt, nur weil du bisher noch keines gesehen hast?“ Ihr Gesicht ist rot angelaufen und sie schnauft wie ein aufgebrachtes Pferd.
Remo will ihr über die Haare streichen, um sie zu beruhigen, aber sie schüttelt seine Hand ab. Sie bückt sich nach ihrem Buch und lässt ihren Vater ratlos zurück.
Er macht noch einen hilflosen Versuch: „Warte doch, meine kleine Prinzessin…“, aber sie ist schon in ihrem Zimmer verschwunden.

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