EINE GESCHICHTE VON EMANUELFLEUTI

 

Anna wachte auf. Sie blieb liegen und dachte wieder an den Traum. Sie hatte ihn wieder geträumt und es kam ihr schon etwas seltsam vor. Es war immer derselbe Traum: Sie stand an der Strasse, auf der gegenüberliegenden Seite ein Park, etwas verwachsen. Er sah eher aus wie ein Dschungel, umfasst von einer grossen Hecke. Und in der Mitte dieser Hecke dann das Tor. Es war etwas versteckt, reichlich verwittert. Es musste mal sehr schön gewesen sein, vielleicht aus Gold oder zumindest Messing, aber jetzt schien es grau, braun, rostig.

Die Strasse war breit und es herrschte immer dichter Verkehr. Niemanden schien dieser Park von irgendwelcher Bedeutung, denn alle fuhren daran vorbei, nicht mal langsam, sondern immer schnell und hastig. Und doch musste der Park eine Bedeutung haben, denn von der Strassenseite, auf der Anna im Traum stand, führte ein Zebrastreifen über die Strasse direkt vor das Tor. Im Traum wollte Anna dann jeweils diese Strasse überqueren, aber sie schaffte es nicht. Es war nicht der dichte Verkehr, denn die Autos würden schon anhalten. War es die Ungewissheit, was auf der anderen Seite war? Wollte sie überhaupt die Strasse überqueren? Würde sie wieder zurückkommen? Dann wachte sie jeweils auf.

Anna wunderte sich. Konnte dieser Traum eine Bedeutung haben? Eine versteckte Botschaft? Sie hatte es nicht leicht. Stand jeden morgen früh auf, ging zur Schule, machte in aller Eile Aufgaben und musste dann den Eltern im Betrieb helfen, oft bis spät abends. Sie würde gerne mal spazieren gehen, einfach so, ohne Ziel, nur für sich allein.

Sie versuchte sich auszumalen, was sie in diesem Park erwarten würde. Ein Wunschbrunnen? Frösche zum Küssen? Ein altes Schloss vielleicht? Mit einem Prunksaal? Sie stellte sich vor, sie wäre eine Prinzessin und tanzte durch den Prunksaal. Keine schlechte Abwechslung, dachte sie, von sich selber überrascht. Oder vielleicht hatte es Tiere, wie in einem Zoo?

Anna stand auf. Als sie sich frisch machte, sah sie neben dem Waschtrog ein kleines Diadem liegen. Sie stutzte. Das lag aber gestern nicht hier. Sie blickte kurz um sich, aber da war natürlich niemand. Sie betrachtete es und nahm es dann in die Hand. Es war nicht gross, hatte aber ein paar funkelnde Steine eingearbeitet. Es war gemacht wie für eine Prinzessin. Unwillkürlich dachte sie an ihren Traum und ihre Gedanken dazu. Wo mag das hergekommen sein? Es war ihr etwas unheimlich. War es ein Wichtel gewesen? Aber die gab es doch gar nicht – oder doch? Sie war verwirrt.

Und plötzlich fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Der Traum. Es war nicht einfach nur ein Traum, sondern eine Botschaft. Und die Botschaft war: Sie musste die Strasse finden, sie musste sie überqueren, sie musste in diese neue Welt gehen, das Tor in der Hecke öffnen und das Schloss finden. Das war ihre Bestimmung.

Anna atmete auf. Morgen, dachte sie, morgen suche ich die Strasse.

One Comment

Leave a Reply