EINE GESCHICHTE VON EMANUELFLEUTI

 

Lena öffnete die Augen, nickte sich in Gedanken ermunternd zu und dachte: Jawohl heute ist es soweit, ab heute streike ich. Dann zog sie sich die Decke über den Kopf, drehte sie sich wieder im Bett um und schloss die Augen.

Sie schrak auf. Es klopfte an ihrer Türe. “Lena”, rief Gustav, ihr Wohngemeinschaftspartner durch die Türe, “es ist schon halb acht, du kommst zu spät!” Lena seufzte. Sie mochte Gustav recht gut. Er war nicht aufdringlich, aber wenn nötig kümmerte er sich um sie. Aber bitte nicht heute, nicht, wenn sie streiken wollte. “Ist gut”, rief sie zurück, “aber ab heute streike ich und stehe deshalb nicht auf! – Tschüss!” Sie konnte die Stille förmlich hören, die das auslöste.

“Ähm, ja, gut, dann halt”, antwortete Gustav schliesslich nach einer Weile. Lena schloss schon wieder die Augen, als Gustav nachhakte. “Nur so aus Neugierde: Wofür streikst du? Oder gegen was streikst du? Und wer weiss eigentlich davon? Und wie merken das denn alle anderen?” Dann ging er, ohne auf eine Antwort zu warten.

Lena seufzte schon wieder. Wieso musste Gustav das Leben so kompliziert machen? Sie dachte nach, allerdings mit geschlossenen Augen. Nicht, dass das besser ging, aber einfach so. Für oder gegen was sie streikte? Nun, ja eigentlich, irgendwie war es ja klar. Gegen die Elite, gegen die Klimaerwärmung, gegen Hunger. Aber auch für den Mittelstand, für Soziales und für Umweltschutz und überhaupt. Und besonders gegen Staub im Badezimmer und für einen kühlen Feierabenddrink. Aber halt, das war doch eher egoistisch. Also wofür überhaupt? Sie grübelte.

Während sie noch nach dem Streikgrund suchte, kam schon das nächste Problem. Ja wen kümmerte es überhaupt, ob sie nun streikte? Sie musste das ja weitersagen, teilen, Unterstützung finden. Dazu brauchte es aber eine Kampagne, Schilder, vielleicht Flyer. Lena seufzte schon wieder. Mist, dachte sie, dabei hatte alles gut angefangen. Und dann kam Gustav und erschütterte sie in ihren Grundfesten. Nun ja, philosophierte sie weiter, unrecht hatte er ja nicht. Also wenn schon streiken, dann richtig. Mit allem Drum und Dran.

Etwas fröhlicher hüpfte sie aus dem Bett und nach einer Tasse Kaffee begann sie die Suche nach Material für ihre Streikbotschaft. Sie fand einen alten Skistock, einen Regenschirm, eine Schachtel halb vertrockneter Farbtuben, einen ausgefransten Pinsel, eine Schere, Paketklebeband und eine gebrauchte Handtuchrolle, von der sie keine Ahnung hatte, wo die herkam. Sie schaute sich ihre Schatztruhe an. Da sollte sich was machen lassen.

Ein Blick auf die Uhr zeigte ihr an, dass sie sich langsam beeilen musste. Sonst war der Tag vorbei und sie hatte noch nicht mal richtig gestreikt. Das wäre ja noch schöner.

Sie bereitete alles aus, griff zur Schere und … schnitt sich als Erstes zünftig in den Zeigefinger. Blut spritzte heraus. Lena fluchte wie ein alter Seemann und suchte verzweifelt nach einem Pflaster. Schliesslich endete sie mit einem dick eingebundenen Finger. Das konnte ja heiter werden. Zu guter Letzt hatte sie so etwas wie ein Banner mit zwei Stöcken zusammengebastelt. Nun galt es, eine stimmige Beschriftung zu finden. Allerdings war ihre Stimmung eher gedrückt – der Finger tat höllisch weh.

Sie erinnerte sich an Gustavs Fragen: Wofür sie streike – oder gegen was? Sie war sich nicht so sicher. Das eine oder das andere? Und warum nicht beides? Oder doch ein Kompromiss? Die Zeit drängte. Sie nahm den Pinsel und malte sorgfältig: “Streik – für mehr Gutes und weniger Schlechtes”. Da sie ‘Streik’ irrtümlich mit ‘ck’ schrieb, malte sie das ‘c’ zu einem kleinen Emoji um. Merkt eh niemand, dachte sie.

Es war kurz nach Mittag, die Sonne brannte vom Himmel wie ein Heizpilz. Lena stand an der Hauptallee, im Schatten einer Birke und rollte ihr Streikbanner aus. Sollen es nur alle sehen, sagte sie sich und fächelte sich etwas warme Luft zu. Eine Frau mit Kinderwagen und einem kleinen Mädchen näherte sich. Die Frau schaute zwar nicht einmal auf, doch die Kleine fragte frech: “Hast in den Finger geschnitzt?” und deutete auf ihren Verband. Lena verzog den Mund zu einem höflichen Lächeln und nickte unter Schmerzen. Das Mädchen lachte und zog mit der Mutter und dem Kinderwagen von dannen. Langsam wurde es zu heiss, auch am Schatten.

Hinter ihr fuhr ein Lieferwagen des Tiefbauamts vor, zwei Arbeiter stiegen aus und entluden ein paar Geräte. Der eine schaute etwas ungläubig auf ihr Banner und meinte dann lakonisch: “Können Sie bitte woanders im Weg stehen? – Wir müssen den Baum hier behandeln.” Lena wollte schon eine gepfefferte Antwort geben, liess es aber bleiben. Sie war am Streiken, nicht am Reklamieren. Also versuchte sie es anders: “Es ist aber schon im Schatten sehr heiss.” “Na ja”, erwiderte der andere Arbeiter, “Sie müssen ja auch nicht zwingend im Schatten bleiben.” Lena zottelte ab.

Sie gönnte sich eine kurze Pause und stellte sich zwischen zwei Parkbänken wieder auf. Ein Junge näherte sich und schaute aufmerksam auf das Plakat. “Finde ich gut”, nickte er anerkennend, “ich nehme das ‘Mehr’, bitte schön.” Er deutete auf das Emoji. “Ich habe heute noch Schwierigkeiten mit ‘ck’, aber auch mit ‘tz’. Aber es kommt schon noch.” Lena schüttelte den Kopf. So hatte sie sich das nicht vorgestellt. Sie wollte doch streiken, Debatten führen, Verbündete finden, neue Wege gehen.

Da, ein älterer Herr näherte sich eher unsicheren Schrittes. Ein potenzieller Verbündeter? Er blieb abrupt stehen, schaute Lena mit grossen Augen an und liess sich dann auf die Parkbank fallen. “Du hast meine vo..vo…volle Unterstützung”, murmelte er unverständlich. Oh je, der war angeheitert und nicht wirklich unterstützend. Lena war frustriert. Sie rollte das Banner ein. “Ich brauche viel mehr gutes Bier und deutlich weniger schlechten Wein!” lallte der Mann noch. Doch da war Lena schon wieder auf dem Weg nach Hause. Der Finger schmerzte immer noch. Sie war verschwitzt, erschöpft und etwas mutlos.

Gustav klopfte leise an die Türe. Dann öffnete er und kam in Lenas Zimmer. Sie lag im Bett und fühlte sich elend. “Streiken ist definitiv ein undankbarer Vollzeitjob”, seufzte sie und wischte sich eine Träne ab. Gustav brachte ihr eine Tasse Tee. Lena schlürfte dankbar ein paar Schlucke. “Ich glaube”; meinte sie nachdenklich, “vielleicht bevorzuge ich doch das eher Arbeitsleben. Dieser Streiktag hat mich mehr Energie gekostet als eine Woche Arbeiten”. Gustav nickte verständnisvoll. “Ab und zu ein bisschen ausbrechen ist gut, aber weisst du: auch das Streiken will gelernt oder zumindest geübt sein und auch da ist noch keine Meisterin vom Himmel gefallen”.

Er löschte das Licht und schloss leise die Türe hinter sich. Lena war schon eingeschlafen.

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