EINE GESCHICHTE VON TONYETTLIN

 

Sie war das Hochzeitsgeschenk meines Mannes. Nach unseren Flitterwochen im Tessin stand sie im Wohnzimmer. „Um dir den Alltag zu erleichtern,“ sagte Oskar in seiner trockenen Art. Ich nannte sie spontan „Lena“. Lena war die Haushaltshilfe, die jeden Freitag zu uns kam, als ich Kind war. Sie trug den Wäschekorb in die Waschküche, heizte den Waschofen ein und wusch die Wäsche der ganzen Familie in einem Zuber mit Kernseife und einer grossen Holzkelle. Bevor sie sich an die Arbeit machte, bündelte sie ihre Zöpfe über dem Kopf und wickelte sie in ein blaues Tuch. Für mich sah sie aus, wie eine orientalische Prinzessin. Ich stand als kleines Mädchen neben ihr, reichte ihr die Socken und Hemden, die sie ins Wasser legte und mit der Holzkelle eindrückte. Am Nachmittag reichte ich ihr beim Aufhängen der Wäsche im Garten die Wäscheklammern. Meistens summte sie ein Lied oder lachte, wenn mir eine Klammer aus den kleinen Händen ins Gras fiel. Ich strich mit der Nase über die frisch gewaschenen Leintücher und sog den würzigen Seifengeruch ein. Wenn es am Freitag regnete, kam sie am Montag. Gewaschen wurde nur bei schönem Wetter. Am Abend trug ich mit Lena die gefaltete Wäsche in einem grossen Korb in die Wohnung im zweiten Stock. Dann verabschiedete sich Lena in dem sie mir über die Haare strich.

1965 stand Lena im Wohnzimmer unserer neuen Wohnung. Eine moderne Waschmaschine, wie sie noch wenige Haushalte hatten. „Bauknecht“ stand auf ihrer Vorderseite, wo man die Wäsche einfüllen konnte. Oskar platzierte die Maschine in der Küche, schloss die Schläuche für das Frisch- und Abwasser an und legte das Kabel zur Steckdose aus. Ich packte die Wäsche aus dem Koffer und füllte die erste Ladung ein. Gespannt verfolgten wir, wie das Wasser gurgelnd einfloss und sich die Trommel in Gang setzte, viermal linksherum, viermal rechtsherum. Das Persil-Waschmittel schäumte auf. Oskar und ich setzten uns auf zwei Stühlen vor die Maschine und beobachteten wie die Socken und Unterwäsche hinter der Glasscheibe vorbeitanzten. Nach einer Stunde begann die Trommel in einem rasenden Tempo zu drehen und nach weiteren fünf Minuten schwang sie aus. Ein kurzes Piepsen signalisierte das Ende des Programms. Staunend zogen wir die noch leicht feuchte Wäsche heraus und hängten sie an die Wäscheleine, die wir quer durch die Küche gespannt hatten. Zärtlich strich ich Lena über den weissen Lack.

Über fünfzig Jahre lang versah Lena ihren Dienst, immer am Freitag. Ich liebte das Rumpeln ihrer Trommel, das Glucksen und Rauschen des ein- und abfliessenden Wassers, das leise Summen ihres Motors, das Sausen, wenn sie in den Trocknungsgang schaltete und ihr leises Piepsen, wenn die Wäsche gewaschen war.

Vor zwei Jahren ist Oskar gestorben. Wir waren schon lange in eine grössere Wohnung gezügelt und die grosse Wäsche machten wir in der Maschine im Waschkeller. Oskar hatte oft gesagt, wir würden Lena nicht mehr brauchen, aber ich wollte mich nicht von ihr trennen. Am Freitag füllte ich sie mit der kleinen Wäsche und genoss die Geräusche aus der Küche, wenn ich mit anderen Hausarbeiten beschäftigt war. Lena half mir über die Einsamkeit.

Vor zwei Wochen brachen die vertrauten Geräusche plötzlich ab. Ich ging in die Küche. Die halbgewaschenen Tüchlein hingen traurig in der Trommel. Ich versuchte, den Waschvorgang wieder in Gang zu setzen, erfolglos. Lena streikte. Der Monteur von Bauknecht, den ich rief, stand lächelnd vor der Maschine und sagte: „Liebe Frau, da kann ich nichts machen. Die Maschine ist ein Oldtimer. Da gibt es keine Ersatzteile mehr und für die Kosten einer Reparatur können Sie problemlos eine neue Maschine kaufen.“ Er hielt mir noch einen Vortrag über Wasch- und Energieeffizienz, legte ein paar Prospekte auf den Tisch und packte seine Sachen zusammen. Traurig blieb ich mit Lena zurück.

Letzte Woche traf ich im Begegnungszentrum im Quartier Fredi. Er setzte sich zu mir an den Tisch. Wir tranken einen Kaffee und ich erzählte ihm von Lena. Er sagte, er sei auch seit zwei Jahren Witwer und er bastle gerne an alten Maschinen. Vielleicht könne er mir helfen. Am nächsten Tag stand er mit seiner Werkzeugkiste in meiner Wohnung, schaute sich Lena an und begann Schrauben zu lösen, nahm die hintere Abdeckung ab und untersuchte ihr Innenleben. Während er arbeitete murmelte er: „Hm, ja, das ist ein Kurzschluss. Da muss ich ein paar Kabel austauschen. Und die Trommel ist verkalkt. Das sollte zu machen sein.“ Mich berührte die Art, wie er liebevoll mit Lena umging, als wäre sie ein Kind, das krank im Bett lag. Er verabschiedete sich und kam am nächsten Tag wieder mit Kabeln und Entkalkungsmittel. Ich schaute ihm zu, brachte ihm einen Kaffee, den er zwischendurch schlürfte und empfand eine wachsende Zuneigung zu diesem Mann, der sich so unaufgeregt und fast zärtlich um Lena kümmerte. Nach zwei Stunden schraubte er die Abdeckung an, schloss den Strom an und verkündete strahlend: „So jetzt ist Lena wieder betriebsbereit.“ Ich holte ein paar Sachen aus dem Wäschekorb, füllte sie in die Trommel, gab Waschmittel dazu und drückte den Startknopf. Sanft brummend setzte sich die Trommel in Bewegung, das Wasser floss glucksend ein und die Wäsche begann zu drehen, viermal linksherum, viermal rechtsherum. Glückstränen schossen mir in die Augen und ich umarmte Fredi, der neben mir stand. Er erwiderte meine Umarmung zögerlich, drückte mich dann fest an sich. Wir holten uns zwei Stühle und beobachteten die wirbelnden Wäschestücke, sprachen wenig. Unsere Hände fanden sich zu einem warmen Druck. Er legte den Kopf an meine Schulter und flüsterte: „Was kann ich sonst noch für dich tun?“

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