EINE GESCHICHTE VON MANUSCH

 

Katrin nuckelte am zuckrigen Kaugummi und versuchte eine große Blase zu machen, es gelang ihr einfach nicht, weil sie zu aufgeregt war. Nervös nestelte sie an den Haaren, warum denn, die dezente Frisur passt doch bestens zum neuen Outfit und ließ sie insgesamt eleganter erscheinen, als sie sich tatsächlich fühlte. Ein kleiner Dutt, Perlohrringe und die beigen Sommersandaletten mit kleinem Absatz, alles passte zusammen. Ja, vielleicht war es genau das, was ihre innere Unruhe noch verstärkte, noch selten im Leben hatte bei Katrin alles zusammengepasst. Mal war die Zeit zu knapp, dann herrschte Ebbe in der Kassa oder sie hatte Jobs die zwar viel von ihr verlangten, aber sicher keinen Business Look. Nun denn, der vierzigste Geburtstag lag schon eine Weile hinter ihr und es war höchste Zeit etwas Neues auszuprobieren. Sie hatte Lust auf neue Menschen, herausfordernde Aufgaben und vor allem die internationale Reisetätigkeit, die sie zu diesem Gespräch gelockt hatte. Nun Gespräch traf es wohl nicht so ganz, denn es war eigentlich schon eine klassische Bewerbungssituation, der sie sich in einer halben Stunde stellen musste und daher kam auch die Aufregung. Im Geist ging sie die Argumente durch, die absolut für sie selbst sprachen und auch wenn sich immer wieder leise Zweifel in den Gedankenstrom mischten, sie blieb dabei – der Job war nur für sie ausgeschrieben worden, sie war eindeutig die beste Kandidatin. Ja, sie würde die nächsten zwölf Monate als „noble Begleiterin“ mit einem Menschen, der an den Rollstuhl gebunden war, um die Welt reisen und für die Tagesgeschäfte zuständig sein. Schon seit Tagen hatte sie versucht sich ein Bild von der Person zu machen, allerdings war das Stelleninserat so neutral geschrieben, dass weder das Geschlecht noch das Alter heraus zu lesen war. War ihr auch egal, wichtig schien nur, dass man sich auf den ersten Blick gut verstehen würde und an der ganzen Sache nicht Anrüchiges dran war. Hier war der einzige Haken, den sie sich vorstellen konnte aber natürlich nicht wollte, denn heutzutage war ja rein gar nichts mehr auszuschließen. Sie schob diese Frage schnell weg und konzentrierte sich wieder auf die möglichen Antworten. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass inzwischen dichter Nebel aufgezogen war und die Sicht behinderte, aber da gab das Navi zum Glück schon bekannt, dass sie nach 100 Metern rechts parken sollte. Gesagt, getan, sie nahm die beige Tasche, die genau dem Farbton der neuen Schuhe entsprach und stieg aus. Platsch, da war ein Loch in der Straße und sie trat unvorbereitet voll in den Matsch hinein, knickte mit dem rechten Fuß um und lag wie vom Blitz hingestreckt auf dem Boden. Eine Sekunde nur lag sie bewegungslos, dann rappelte sie sich ohne zu denken auf, packte die Tasche und riss den kleinen Spiegel heraus. Oje, der Dutt war in die übliche Alltagsmähne verwandelt, eine Spur Wimperntusche zog sich über die linke Wange und in den Augen las sie die Verzweiflung. Sie atmete tief ein und aus wie sie es schon so oft gelernt und geübt hatte. Leben findet nur jetzt statt, ich bin hier. Sie kam sich dabei blöd vor aber Katrin war eine Kämpferin, nichts konnte sie von ihrem Weg abbringen, sie ließ sich nicht aufhalten von so einem blöden Ungemach. Der Job war für sie gemacht, tief durchatmen und weiter, nur nicht zweifeln jetzt. Schnell puderte sie das Gesicht, nahm einen dicken rosafarbenen Kaugummi aus der Packung und schloss eine Wette mit sich ab. Wenn ich es dreimal hintereinander schaffe eine Blase zu machen, dann läute ich an der Haustür dort drüben und bewerbe mich. Die erste gelang problemlos, bei der zweiten Blase drückte sie bereits den silbernen Klingelknopf und dann passierte es. Just in dem Moment als sich die Tür öffnete ertönte ein scheppernder Trompetenstoß aus dem Haus und vor lauter Schreck platzte die dritte Blase mitten in ihrem schön geschminkten Gesicht. Der Lippenstift war ruiniert, ein Stückchen des zähen Kaugummis klebte an ihren Locken und da stand sie und – hielt sich den Bauch vor lauter Lachen. Schlimmer hätte es ja wohl nicht kommen können, vor ihrem inneren Auge sah sie ihren Auftritt und es half alles nichts, sie japste und schnappte nach Luft. Endlich konnte sich Katrin wieder ein wenig fassen als sie in zwei graublaue Augen blickte, die erstaunt aus einem faltigen und sehr lebendigen Gesicht herausschauten. Die alte Dame im Rollstuhl zwinkerte ein wenig und meinte ruhig: „Das ist ja mal eine besondere Art der Vorstellung, dann kommen sie herein meine Liebe. Ich denke wir sollten uns näher kennenlernen“. Katrin straffte sich und trat in einen neuen Lebensabschnitt ein.

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