EINE GESCHICHTE VON LISA

 

Sie wollte noch zum See runter. Noch etwas durchatmen nach dem stundenlangen Malen. Nie hätte sie gedacht, dass ihr das Malen so zusagen würde. Sie hatte ja schlicht keine Zeit in all den Berufsjahren, war zugedeckt mit Problemen der Kunden, mit hoch getakteten Tagen. Das Malen bringt mich zu mir zurück, dachte sie beim Spazieren, nur ich und die Farben, und eine grosse Ruhe. Heute war ihr ein Bild in Weiss-Tönen gelungen, auf Acryl. Wahrscheinlich würde sie es rahmen lassen.

Sie setzte sich auf eine Bank, in Magliaso am See. Mit beiden Händen strich sie dem Holz entlang, streckte ihren Rücken, genoss den Blick aufs Wasser mit einem tiefen Atemzug. Da, etwas Hartes war zu spüren, eine Unebenheit. Als sie näher hinschaute, entdeckte sie den Kaugummi.
Ein Lächeln überzog ihr Gesicht. Wie gern hatte sie doch als Kind die rosa Bazooka-Kaugummis. Das waren die Besten. So blass rosa, mit einem typischen Geschmack, den man schlecht beschreiben konnte, der keinem andern glich. Bazooka eben. Es war ein Vergnügen, mit ihm grosse Blasen zu machen. Wer produzierte die grössten? Schadenfreudig schaute man zu, wenn die Blase bei andern platzte und manchmal unangenehm klebrig bis zur Nasenspitze hinauf hängenblieb. Umso dümmer, wenn es einen selber traf.
Zuerst glaubte sie an einen Scherz und suchte in ihrem Rücken, wo die Stimme herkam. Aber sie kam vom Kaugummi.

Aus der Bazooka-Dynastie sei er, sagte er. Das tönte glaubwürdig. Das sei noch eine Marke. Die gebe es seit 1947, in den Aufbaujahren nach dem Krieg entwickelt. Nicht so billiges China-Zeugs wie diese Lolly-Pops, und wie das alles heisse. Seine Stimme wurde weinerlich: «Jetzt hat sie mich weggeklebt, weggeworfen wie einen alten Besen, der nichts mehr wert ist, ausrangiert wie manche Leute bei Umstrukturierungen von Firmen nach langen Jahren guter Dienste.

Dabei hatte alles so gut angefangen, erzählte er. Frau Herzog, sie hiess eigentlich Schmid, war eine bekannte Dorfgrösse. Eigentlich hatte sie ein gutes Herz, aber sie konnte es nicht lassen, über Leute im Dorf, die ihr nicht passten, zu schimpfen. Der Pfarrer war ihr zu modern, die Empfehlung von Masken durch den Apotheker fand sie völlig übertrieben. Und so gab es noch viele Leute, an denen sie keinen guten Faden liess, und über die sie herzog. Deshalb nannten sie die Leute hinter vorgehaltener Hand «Frau Herzog». Als ihr diese Bezeichnung zu Ohren kam, fühlte sich sie geadelt. Als ob sie einen Herzog geheiratet hätte, oder eher er sie.

Ach, sagte der Kaugummi, ich schweife ab. Also, das war so. Frau Herzog ging zum Dorfkiosk, um für ihr Gottenkind Dorli etwas zum Geburtstag zu kaufen. Sie war ja so stolz gewesen, dass der Bucher Franz sie als Gotte angefragt hatte, als er Vater wurde. Als alter Schulschatz hatte er sie nicht vergessen. Das Kind war ein Sonnenschein. Wie doch die Jährli vergingen. Dorli wurde schon 7. Nach den Sommerferien ging’s in die 1.Klasse. Frau Schmid stocherte in diversen Schachteln der Kioskauslage herum. Ich bitte Sie, sagte der Blättler Max hinter dem Plexi-Glas, wir haben doch Corona-Zeit! Da erblickte Frau Schmid die Schachtel mit den Bazooka-Kaugummis. Ein Lächeln huschte über ihr sonst eher angestrengtes Gesicht. Die haben wir doch dem Lehrer unter den Schreibtisch geklebt, und einmal dem Glarner Theres ins Ohr, weil sie nicht mein Kommunionsgschpändli sein wollte. Hören Sie, Herr Blättler, ich nehme gleich die ganze Schachtel.

Wir in der Schachtel machten Freudensprünge, so dass der Blättler Max uns wieder ordentlich hinlegen und die Schachtel mit einem Gummeli befestigen musste.

Ja, so kam die Bazooka-Schachtel mitsamt der Gotte zum Geburtstagsfest. Was für ein Freudengeheul von Dorli, und was für schräge Blicke von ihren Brüdern. Dorli schenkte ihnen gleich einen Kaugummi, wir waren schliesslich unserer 20. Fast hätte ich es vergessen. Dorli erhielt zum Geburtstag auch noch eine Trompete. Ihr Vater war Fahnenträger bei der Musikgesellschaft Harmonie, und er hoffte, seine Tochter könne ihre überschüssige Energie beim Musizieren rauslassen. Ehrlich gesagt freute sich Dorli mehr an uns Kaugummis als an der Trompete. Aber die war ja auch nicht schlecht. Sie glänzte mehr als ihr Fingerring, den sie mit den zwei Schleck-Chriesi gratis dazubekommen hatte am Kiosk. Was würden wohl die Erstklässler sagen, wenn sie «Silenzio» spielen konnte? Das streamte ihr Papi immer von spotify, wenn er gut aufgelegt war.
Im Schnitt hielten wir uns 3 Tage. Dorli klebte den angebrauchten Kaugummi vor dem Zähneputzen unter ein Brett des Büchergestells, um ihn am Morgen wieder hervorzuholen. In der Nacht hörten wir uns kurzweilige Geschichten unserer angebissenen Kollegen an. Einmal war sie in der Badi gewesen, einmal im Postauto. Es waren ja Sommerferien.

Obwohl ich darauf brannte, endlich gebraucht zu werden, genoss ich diese Zeit vor meinem Auftritt. Dorli übte jeden Tag auf ihrer Trompete, in 8 Tagen war Schulanfang. Zudem hörte ich sie gesagt die Geschichten meiner Kollegen in der Nacht, oder ich bekam das Familienleben unmittelbar mit. Am Morgen war’s oft ungemütlich, weil niemand mit dem Hund rauswollte. Dann wieder assen sie alle zusammen Wurstsalat, oder sie jassten, oder die Gotte kam auf Besuch und zog über die Leute im Dorf her.

Endlich war mein Tag gekommen. Dichter Nebel lag vor der Tür, was ganz untypisch war für einen Spätsommertag. Kaum aus dem Haus, steckte mich Dorli in den Mund. Es war ein wunderbares Gefühl, endlich gebraucht zu werden. Die Lehrerin hatte Dorli gebeten, am morgigen Besuchstag ein kleines Stück auf der Trompete zu spielen. Sie war jetzt schon aufgeregt und biss umso mehr auf mir herum. Kaum im Schulzimmer, wurde ich unter der Bank zwischenparkiert. Ich hatte mein Gaudi, wie die kleinen Knirpse zu lesen versuchten, oder wie sie am Zählrahmen das 1×1 übten. In den ersten 3 Monaten durften sie weder Handy noch ipad gebrauchen. Nachts war ich dran mit Erzählen. Meine wenigen noch verbliebenen Kollegen kugelten sich vor Lachen.

Auf ging’s in den zweiten Tag. Dorli war noch nervöser als am Vortag, als ihre Eltern, die Gotte und weitere Leute ins Schulzimmer strömten. Rings um die Kinder waren Stühle aufgestellt.

Dorli wurde aufgerufen und erhob sich mit zitternden Beinen. Als sie nach vorne ging, durchfuhr sie ein Schreck: der Kaugummi! Sie hatte mich vor lauter Aufregung im Mund gelassen. Kurz entschlossen klebte sie mich vorne beim Loch, wo die Töne rauskommen, auf die Trompete. Sie atmete ein, spielte die ersten Töne und sah, wie ihr Vater immer bleicher wurde, und wie einige Leute lachten und tuschelten. Mit Mühe spielte sie das Stück zu Ende. Dorli verbeugte sich beim Applaus und rannte dann aus dem Zimmer, die Treppe hinunter, über den Rasen zum Seeufer, die Trompete noch immer in der Hand, und ich mitten auf dem goldenen Blech.

Hier hat sie mich entsorgt, nach nicht einmal 2 Tagen. Wir wissen alle, dass wir einmal gehen müssen, sagte der Kaugummi. Aber so, das würde ich meinem schlimmsten Feind nicht gönnen.
Er verstummte, war wieder in sein Mitleid versunken. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Wahrscheinlich waren die andern schon beim Essen.

Ich streichelte meinen Bazooka-Erzähler sanft mit der rechten Hand und stand auf. Beim Eingang zum Esssaal würde es einen Dispensier mit Desinfektionsmittel haben.

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