EINE GESCHICHTE VON EMANUELFLEUTI

 

Pepe hielt sich verzweifelt die Ohren zu. Der Lärm war unheimlich. Es dröhnte, quietschte und ratterte – ein musikalisches Chaos. Dann ebbte der Lärm ab und Pepe atmete tief durch. Er sass im Stadttheater, diskret irgendwo in den hinteren Reihen und beobachtete das Geschehen auf der Bühne, wo sich das Orchester für die Probe bereit machte und sich eingespielt hatte.

Pepe machte sich sonst nicht viel aus Konzerten, aber er hatte einen Anruf erhalten, dass er sich um zwei Uhr hier einfinden sollte. Er schaute sich um. Eine Frau kam durch den Seitengang und direkt auf ihn zu. Sie setzte sich neben ihn. “Limette ist mein Name”, stellte sie sich vor und streckte ihm die Hand entgegen. “Mein Name ist Roni, Pepe Roni”, erwiderte Pepe und schüttelte die dargebotene Hand.

“Ich werde erpresst”, sagte Limette mit einer ängstlichen Stimme. “Heute erhielt ich schon ein zweites Schreiben. Ich solle die Trompeten aus dem Orchester nehmen, sonst würden sie mein Konzert von heute Abend sabotieren. Aber die Trompeten braucht es doch!” Pepe zog die Augenbrauen hoch, sagte aber nichts. “Das Papier war nicht in einem Umschlag, sondern mit einem rosaroten Kaugummi zugeklebt.” Pepe schluckte leer. Wenn er etwas nicht mochte, war es rosaroter Kaugummi.

Er erhob sich: “Ich kümmere mich darum”, meinte er und versuchte, optimistisch zu sein. “Ich werde mit meinem Team heute Abend vor Ort sei und das Konzert schützen”, antwortete er auf ihren fragenden Blick hin.

Er traf sich mit seinem Freund Tom Ate im Stammlokal ‘Au Bergine’ bei einem kühlen Ananassaft. Sie besprachen den Fall. “Wir haben wenige Anhaltspunkte”, gab Pepe zu. “Ich schlage vor, du rufst die Brüder One an, Mel und Zitr, sie können uns heute Abend helfen. Dann besuche Lauch. Wir brauchen Ideen, wie man ein Konzert sabotiert. Ich werde mich derweil mit Ban-A-Ne über die Trompeten unterhalten.”

Unterwegs prüfte Pepe im Rückspiegel, ob er verfolgt wird, doch es schien alles ruhig. Ban-A-Ne öffnete ihm auf sein Klingeln. Er war wie immer etwas gelb im Gesicht und ging leicht gekrümmt. Pepe erzählte ihm, was er wusste. “Was hat das zu bedeuten?” fragte er schliesslich.
Ban-A-Ne dachte lange nach und meinte dann ruhig: “Die Trompeten aus dem Orchester zu entfernen, ist eher ein Versuch, abzulenken. Das Orchester kann nicht ohne spielen. Vielleicht geht es darum, die Trompeten dann zu stehlen?*

Pepe schaute ihn fragend an. “In letzter Zeit wurden wiederholt Blasmusikinstrumente aus Musikschulen und Orchestern gestohlen”, antwortete Ban-A-Ne. “Ein organisierte Sache, eine Bande, die sich selber ‘Pink Girls’ nennt, wie es scheint.” Pepe nickte. “Das könnte den rosaroten Kaugummi erklären!”

Unterdessen besuchte Tom Lauch. Schnitt Lauch, aussen grün und innen hohl, gehörte zu den am besten informierten Leuten der Stadt und hatte auch immer gerade Ideen für krumme Sachen. “Ich würde einen Abbruch während des Konzerts erzwingen”, schlug er vor. “Das ergibt den schlimmsten Effekt. Ein kleiner Brandausbruch, zum Beispiel. Dichter Nebel im Orchestergraben, die Musiker, die fluchtartig davonrennen, der Feueralarm, die Evakuation des Theaters – ganz schöne Schlagzeilen.”

Ein Blick auf die Uhr verriet Pepe, dass die Zeit drängte. Er wartete im ‘Au Bergine’ auf Tom, Mel One und Zitr One. Da, sie kamen alle gleichzeitig. Pepe und Tom berichteten.

“Ich erwarte einen turbulenten Abend heute im Theater”, erklärte Pepe. “Sind die Trompeten nicht bei den Musikern im Orchester, sollen sie gestohlen werden. Werden sie gebraucht, wird das Konzert so gestört, dass sie in der ganzen Aufregung unbemerkt gestohlen werden können.”
Er fuhr fort: “Mel und Zitr, ihr nehmt die beiden Hintereingänge und stellt sicher, dass niemand abhaut. Tom und ich werden als Techniker verkleidet beim Orchesterraum sein. Dann schauen wir, was passiert.” Limette war zugleich beruhigt und verängstigt, als Pepe sie informierte. Aber sie würde versuchen, das Konzert zu spielen, egal was rund herum passiere.

Kurz nach sieben waren alle auf ihren Posten. Pepe trug einen kleinen Scheinwerfer mit sich und schaute sich unauffällig um. Tom hatte eine Leiter bei sich und tat dasselbe. Einige Musiker waren da und hantierten mit ihren Instrumenten. Aber waren alle echt? Zwei Bühnenarbeiter liessen eine Kiste fallen und fluchten vor sich hin. Was war in der Kiste?

Auf dem Gang traf Pepe Limette und nickte ihr aufmunternd zu. Dann begann das Konzert – und die Trompeten spielten mit. Pepe traf Tom. “Alles klar?” fragte Pepe. “Eine Musikerin scheint verspätet zu sein – ich sah sie eben aus der Garderobe kommen”, antwortete Tom mit einem Grinsen. “Dranbleiben”, reagierte Pepe, “das ist auffällig.”

Er eilte hinter den Vorhang, den das Orchester abgrenzte und stockte. Zwei Kisten standen dort und je ein Kabel führte zur nächsten Steckdose. Pepe ging vorsichtig näher. Da, auf der Seite klebte ein rosaroter Kaugummi. Mist, dachte Pepe, die gehen sicher gleich los.

Aus den Augenwinkeln, sah er die beiden Bühnenarbeiter von vorhin näher kommen. Sie hatten beide einen Besen in der Hand. Jetzt musste es rasch gehen. “Brauche Unterstützung hinter dem Vorhang!” rief Pepe in sein Funkgerät. “Und eine falsche Musikerin ist unterwegs”.

Er rannte zu den Kisten und es gelang ihm, die beiden Stecker zu ziehen. Er realisierte: das waren tatsächlich zwei grosse Rauchmaschinen. Das hätte einen dichten Nebel erzeugt und den Rauchmelder ausgelöst. “Mach, dass du wegkommst”, raunzte der eine Arbeiter und schubste ihn weg. “Kaum”, antwortete Pepe und warf sich auf ihn. Gerade wollte sich der andere Arbeiter einmischen, da griff Tom ein.

Es war ein kurzes Handgemenge und endete, als Mel One auftauchte und sie die beiden Arbeiter fesseln konnten. Tom rieb sich die Schulter. Das hätte leicht Ketch-up werden können. Da bog auch gerade Zitr One um die Ecke, eine zappelnde Musikerin unter dem Arm. “Ich fühle mich etwas ausgepresst”, meinte er atemlos, “aber ich konnte sie gerade noch erwischen.”

Pepe telefonierte der Polizei und nur kurze Zeit später traf Inspektor Ap Fel zusammen mit ein paar Polizisten ein. “Pepe Roni!” rief er lachend, “in einem Konzert. Ich wusste gar nicht, dass Sie was mit Kultur am Hut haben.” Limette tauchte auf; sie schien mehr als erleichtert zu sein. “Sie haben sie gefasst?” fragte sie ungläubig.

Während das Orchester zum grossen Finale ansetzte, klärte Pepe Limette und Ap Fel auf. “Es ging darum, Blasmusikinstrumente zu stehlen und auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen”, sagte er. “Diesmal versuchten sie es mit Erpressung. Die Bande ist unter Namen ‘Pink Girls’ bekannt, es sind aber zwei Männer und eine Frau”.

Während Ap Fel und die Polizisten die Bande abführte, lud Pepe Tom, die Gebrüder One und Limette ins ‘Au Bergine’ zu einem Ananassaft ein. Dort lief ein bisschen Musik der achtziger Jahre. Eine bes-sere Wahl, dachte sich Pepe im Stillen.

2 Comments

  • Redaktion Sabine sagt:

    Super! Ein Krimi mit Pepe Roni. Wer es nicht kennt, es gibt hierzu auch ein Buch “Mein Name ist Roni – Pepe Roni” – Knifflige Fälle und spannende Rätsel von Emanuel Fleuti. Wir freuen uns auf mehr :-)!

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