EINE GESCHICHTE VON TONYETTLIN

 

Schwarze Wolken hängen wie prallgefüllte Säcke über der Stadt. Die grauen Fassaden der Häuser verhüllen sich mit dichtem Nebel, als würden sie sich ihrer Schäbigkeit schämen. Die enge Gasse die sich zwischen den brüchigen Ziegelsteinmauern verlassener Fabrikgebäude durchzwängt, liegt im Dunkeln. Nur am andern Ende wirft eine alte Gaslaterne schummriges Licht auf die feuchten Pflastersteine und das Blattwerk einer Trauerweide, deren Äste in das Wasser des Kanals hängen. In der Ferne heult eine Polizeisirene und dazwischen gurrt eine Taube aus einem Mauerloch. Ein steifer Wind bläst Arnie den fauligen Geruch der Kanalisation ins Gesicht. Als die ersten schweren Tropfen fallen, zieht er seinen Kopf tiefer in den aufgestellten Mantelkragen und hält den Hut mit der linken Hand fest. „Scheisswetter!“ knurrt er. „Scheissjob!“ und kickt eine leere Konservenbüchse in den Graben, in dem sich das rostige Wasser sammelt. Das Scheppern scheucht einen Vogel auf. Sein Schatten streift krächzend Arnies Gesicht und er meint den flappenden Flügelschlag auf der Wange zu spüren. Eine Ratte springt aus einer überquellenden Mülltonne und verschwindet im Keller eines Hauses. Der lose Fensterladen schwingt knarrend im Wind und schlägt in regelmässigem Rhythmus gegen die Mauer. Irgendwo übt einer auf der Trompete immer die gleichen Töne.

Arnie weiss nicht, was er hier sucht. Der Auftraggeber hat ihn hierher bestellt. Kanalstrasse 74a, drei Uhr morgens. Als er die Hausnummer 74a erreicht hat, zerreisst ein gellender Schrei die Nacht. Ein Blitz zuckt aus den Wolken und wirft Arnies verzerrten Schatten übermenschlich gross auf die Hauswand. Dann plumpst etwas Schweres in den Kanal. Der Donner übertönt das Gurgeln der Wellen, die an die Ufermauer schlagen. Arnie rennt zum Kanal. Er hört ein metallenes Klicken, dann heiseres Lachen, das wie „Ahaharnie“ tönt und ihm einen kalten Schauer über den Rücken jagt. Seine Hand umschliesst die Beretta 93R in seiner linken Brusttasche. Der Zeigefinger tastet nach dem Abzug. Kalter Schweiss vermischt sich mit dem Regenwasser, das ihm vom Kragen über den Rücken läuft. Dann sieht er einen Schatten in der nächsten Gasse verschwinden. Im Kanal treiben ein Plastikeimer und ein abgebrochener Ast vorbei. Aus einem offenen Fenster auf der gegenüberliegenden Seite fällt Licht auf das dunkle, träg fliessende Wasser. Nur das Rauschen des Regens und das ferne Grollen des Gewitters sind zu hören.
Arnie überlegt, ob er dem Schatten folgen soll, entscheidet sich aber, nichts gesehen und nichts gehört zu haben. Er sichert seine Pistole. Sein Auftrag ist erfüllt und er ist müde.

Am nächsten Morgen wird er erfahren was passiert ist und was der Auftraggeber von ihm wollte.

Drei Tage lang sucht er in den Zeitungen nach einer Meldung. Es wird niemand vermisst. Man hat keine Leiche gefunden. Die Post bringt ihm in einem Brief sein Honorar, ohne Kommentar und Absender. Er legt das leere Couvert in den Aktenordner „Abgeschlossene Fälle“ und lädt seine Freundin zum Essen in ein teures Restaurant ein. Sie trägt das Kleid, das er einmal als rosa Kaugummi beschrieben hat, ein Faux-Pas, den sie ihm nie verziehen hat und den sie ihm in wohldosierten Raten zurückzahlt. Als er ihr das Kleid spät in der Nacht auszieht, wischt sie ihm über die Augen, als müsste sie den dichten Nebel wegwischen, der ihm die Sicht auf die Realität verschleiert. „Du wirst langsam alt,“ bläst sie ihm ins Ohr. Irgendwo spielt einer auf der Trompete die immer gleichen Töne.

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