EINE GESCHICHTE VON TONYETTLIN

 

Anna und John (eigentlich hiess er Hans, aber John tönt «cooler») waren unterwegs. Die Pilotin und der Co-Pilot flogen nach Buenos Aires in Argentinien. Sie sassen im Cockpit, alles ging nach Plan.

Mitten über dem Atlantik hörten sie eine sympathische, warme Stimme: «Hallo ihr beiden, alles gut bei euch?». Erst dachten sie an einen Scherz des Kabinenpersonals, aber das konnte irgendwie nicht sein. Sie schauten sich an und John fragte vor sich hin: «Wer bist Du? Wie heisst Du»? «Ich bin euer Flugzeug und heisse Kistine – die meisten sagen Kiste zu mir – und ich würde euch gerne für ein Abenteuer einladen», war die Antwort. «WIE bitte?» kam es wie im Chor von den beiden Piloten. «Und die Passagiere?» gibt Anna zu bedenken. «Die Passagiere werden es lieben und den Rest ihres Lebens davon erzählen». Wieder schauten sich die beiden mit grossen Fragezeichen im Gesicht an und Anna fragte: «Und wie soll das gehen?» «Ihr nehmt all Euren Mut zusammen und drückt einfach auf den Zauberautopilot-Knopf». In diesem Moment leuchtete ein nie vorher gesehener wunderschöner bunter Knopf auf und John drückte einfach drauf.

Nichts passierte. John schaute Anna an und zog die Augenbrauen in die Höhe. Anna zuckte mit den Schultern: «Es ist wohl doch ein Scherz der Techniker. Eigentlich schade. Ich hatte mich schon auf ein wildes Abenteuer gefreut, einen Flug in eine andere Welt, eine Zeitreise in die ferne Zukunft oder so.» «Du denkst an «Back to the future»? Den Film habe ich Dutzende Male gesehen.» John checkte die Instrumente, als er ein leises Zischen vernahm. «Was ist denn das?» fragte er verblüfft. «Keine Ahnung!» Anna schaute auf die Anzeigen vor sich. «Alles normal, kein Druckabfall, kein Störungssignal.» In diesem Moment ging die Cockpittüre auf. Melanie, die Maitre de Cabine streckte ihren braunen Wuschelkopf herein. «In der Kabine ist ein seltsames Säuseln zu hören, scheint aus der Lüftung zu kommen.» «Ja, wir hören es auch, aber es ist alles normal. Wird ein Ventil sein, das sich nicht ganz öffnet. Keine Sorge!»

Melanie schaute sie besorgt an. «Einzelne Passagiere haben sich beschwert. Wir haben heute eh ein paar schwierige Zeitgenossen an Bord. Ein Paar, das seine Eheprobleme offensichtlich während des Fluges austragen will, zwei Geschäftsmänner, denen von Anfang an nichts gut genug war und ständig etwas zu Meckern haben, eine Frau und ein Mann, die zufällig neben einander sitzen und sich nicht ausstehen können, für die aber auch kein anderer Platz in Frage kommt, die Familie mit zwei verwöhnten Saugoofen, die ständig streiten und die Mutter mit dem Baby, das seit dem Start schreit und allen Leuten an den Nerven reisst. Ich weiss nicht, wie ich diesen Flug überstehe!» Melanie war bekannt für ihre kritischen Bemerkungen und ihre Tendenz zum Jammern. John war drauf und dran, sie zurechtzuweisen, als Anna sich umdrehte und sagte: «Mach deine Arbeit. Wir machen unsere!» Melanie warf ihr einen giftigen Blick zu, drehte sich um, verliess das Cockpit mit einem unverständlichen Fluch auf den Lippen.

«Dicke Luft!» kommentierte John.

«Blöde Gans!» zischte Anna.

In der Kabine wurde das Essen serviert. Nach einer Stunde brachte Melanie das Tablett für Anna. Sie war wie verwandelt. Mit einem warmen Lächeln legte sie die Hand auf Annas Schulter: «Ich möchte mich entschuldigen für vorhin. Das war nicht sehr nett von mir.» Anna schaute sie erstaunt an. «Die Passagiere haben sich beruhigt. Es herrscht plötzlich eine friedliche, fast freundschaftliche Stimmung in der Kabine. Die beiden Geschäftsleute bedanken sich für alles, was wir tun und loben unsere Arbeit. Die Kinder spielen friedlich miteinander. Das Baby schläft. Die Mutter ist entspannt und geniesst den Flug. Das Ehepaar scheint sich versöhnt zu haben. Sie küssen sich und können ihre Hände nicht von einander lassen wie Frischverliebte. Auch die beiden, die sich nicht ausstehen konnten, sind in ein intensives Gespräch vertieft und lachen immer wieder. Männer und Frauen kommen mit einander ins Gespräch, als wären sie die besten Freunde. Ich habe den Eindruck, da bahnen sich gar amouröse Beziehungen an. Aber auch meine Kolleginnen und Kollegen machen ihre Arbeit mit einer Leichtigkeit und Freude, wie ich sie noch nie erlebt habe. Was ist nur los?»

Anna schaute verschwörerisch zu John und schmunzelte. «Auch uns geht es gut. Nicht wahr?» «Ja, alles bestens! Ein ruhiger Flug mit dem besten Captain, den es gibt,» antwortete er verschmitzt.
Zwei Stunden vor der Landung meldete sich die warme Stimme über den Bordlautsprecher. «Liebe Passagiere, liebe Crew. Ich hoffe, sie geniessen den Flug. Ich bin Ihnen eine Erklärung schuldig.» Alle schauten sich verwundert an und lauschten gespannt, während die Ansage auf Englisch und Spanisch wiederholt wurde.

«Vielleicht haben sie das leise Säuseln in der Lüftungsanlage bemerkt und es könnte sein, dass Sie eine Veränderung in ihrer Stimmungslage erlebt haben.» Zustimmendes Nicken bestätigte die Vermutung. «Wir sind ein Forscherteam der neurowissenschaftlichen Abteilung der Universität Zürich. Wir haben uns erlaubt, Sie an einem Experiment teilnehmen zu lassen, mit dem wir die Wirkung von Oxytocin auf das menschliche Verhalten untersuchen wollen. Keine Angst: Das Experiment ist harmlos und ungefährlich. Um gültige Resultate zu erhalten, konnten wir Sie nicht im Vornherein informieren. Wir entschuldigen uns dafür und hoffen auf Ihr Verständnis. Oxytocin ist ein Hormon, das vom menschlichen Hirn produziert wird und unter anderem den Blutdruck und den Cortisonspiegel steuert. Es wirkt vor allem stressmindernd, vertrauensfördernd, entspannend und ist auch bekannt als Kuschelhormon oder «snuggle-hormon».»

Ein Ah und Oh ging durch die Kabine und ein paar verdutzte Blicke wurden ausgetauscht.

«Wir haben der Kabinenlüftung eine kleine Dosis Oxytocin beigemischt, um herauszufinden, wie sich das Hormon auf Ihre Stimmung und auf die sozialen Beziehungen auswirkt. Zwei Vertreter unserer Forschergruppe werden Ihnen nun einen Fragebogen verteilen mit der Bitte, diesen auszufüllen. Wenn Sie uns ihre E-Mail-Adresse hinterlassen, werden wir sie über die Ergebnisse des Experiments informieren. Danke für Ihr Verständnis und Ihre Mitarbeit. Wir wünschen Ihnen noch einen schönen Flug.»

Kaum war die englische und spanische Ansage abgeschlossen, stieg der Lärmpegel in der Kabine rasant an. Die Passagiere diskutierten aufgebracht miteinander. Einzelne schüttelten den Kopf, andere lachten, gestikulierten wild, aber alle Gesichter strahlten eine entspannte Leichtigkeit aus. Melanie und die Cabin-Attendants wurden mit Fragen bestürmt, die sie freundlich und lachend zu beantworten versuchten. Sie mussten aber gestehen, dass sie auch nicht mehr wussten.

John und Anna hatten die Ansage mit einer Mischung von Verwunderung und Skepsis angehört.

«Eigentlich müssten wir einen Rapport schreiben, knurrte Anna. «Aber so einen entspannten Langstreckenflug habe ich noch nie erlebt.»

«Ich wette, dass noch nie so zufriedene Passagiere in Buenos Aires ausgestiegen sind. Und ich hatte die Ehre mit dem besten Captain zu fliegen, den es gibt.» Er griff nach Annas Hand und liess sie nicht mehr los bis sie den Landeanflug einleitete.

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