EINE GESCHICHTE VON SASCHA DANZIG

 

Anna und John (eigentlich hiess er Hans, aber John tönt «cooler») waren unterwegs. Die Pilotin und der Co-Pilot flogen nach Buenos Aires in Argentinien. Sie sassen im Cockpit, alles ging nach Plan.

Mitten über dem Atlantik hörten sie eine sympathische, warme Stimme: «Hallo ihr beiden, alles gut bei euch?». Erst dachten sie an einen Scherz des Kabinenpersonals, aber das konnte irgendwie nicht sein. Sie schauten sich an und John fragte vor sich hin: «Wer bist Du? Wie heisst Du»? «Ich bin euer Flugzeug und heisse Kistine – die meisten sagen Kiste zu mir – und ich würde euch gerne für ein Abenteuer einladen», war die Antwort. «WIE bitte?» kam es wie im Chor von den beiden Piloten. «Und die Passagiere?» gibt Anna zu bedenken. «Die Passagiere werden es lieben und den Rest ihres Lebens davon erzählen». Wieder schauten sich die beiden mit grossen Fragezeichen im Gesicht an und Anna fragte: «Und wie soll das gehen?» «Ihr nehmt all Euren Mut zusammen und drückt einfach auf den Zauberautopilot-Knopf». In diesem Moment leuchtete ein nie vorher gesehener wunderschöner bunter Knopf auf und John drückte einfach drauf.

„Danke John, das war mutig, hauchte Kiste. “Und du Anna?“

John blickte zu der Chefpilotin. Sie starrte unbewegt hinaus in den Nachthimmel.

„Anna, was ist?“, grinste John. „Komm, das wird ein Abenteuer.“

Anna drehte den Kopf ganz langsam zu ihrem Co-Piloten.

„Das gibt es nicht“

„Was denn?“

„ Schneewittchen, Zahn-Feen, Osterhasen. Alles Kinderkram“

„Soll ich dich kneifen. Du hast das doch selbst gehört.“ Dann nach einer Pause „ Kiste, bist du noch da?“

„Ja, ich bin da und warte auf die Entscheidung von Anna.“

„Ich drücke einfach für dich “ – sagte John aufgeregt – „Und ob du an Osterhasen glaubst oder nicht.“ John streckte seine Hand wieder nach dem buntleuchtenden Knopf.

„Don’t push the button“ – zischte Anna kaltblütig. „Wir werden uns jetzt ganz schnell beruhigen. In drei Stunden in Buenos Aires landen. Ins Hotel gehen und morgen zurück nach Europa fliegen und diesen ganzen Zauberunfug einfach vergessen.“
John schaute Anna entsetzt an.

„Du.. du kannst doch nicht.“ Stammelte John. Er sah aus wie ein Kind, dem man gerade gesagt hätte, alle Eisdielen der Welt bleiben den ganzen Sommer lang geschlossen.
Anna lächelte mitfühlend.

„Lieber Johnny. Das Leben ist kein Disneyland. Es gibt keine tanzenden Toaster und keine sprechende Flugzeuge.“

„Das ist eine einmalige Chance.“

„Ja, das ist eine einmalige Chance, um endlich mit den Träumereien aufzuhören.“

„Du spinnst“, sagte John.

„Abenteuer sind in unserem Flugplan nicht vorgesehen“, antwortete Anna und betonte deutlich jedes Wort.

John sah Anna nachdenklich an.

„Du hast Schiss“

„Nein, Peter Pan, ich bin erwachsen, over“.

Sie schwiegen eine Weile. Das Summen der Turbinen erfüllte wieder den Raum. Anna blickte zu dem Zauberknopf, der unermüdlich und verführerisch weiter blinkte. Die Blicke von John und Anna begegneten sich wieder. Anna wendete ihren Blick ab und begann mit einer vorgespielten Routine die Instrumente zu checken. John seufzte auf und lehnte sich kraftlos zurück.

„Du kannst so lange zwinkern, wie du willst, Schätzchen“, sagte Anna nach einer Weile Richtung Zauberknopf. Das bunte Licht ging ihr sichtlich auf die Nerven.

„Tommy hätte keine Angst gehabt“, flüsterte Kiste.

Anna zuckte zusammen. Ihr Gesicht wirkte blutleer. Ihre Lippen zitterten.

„Woher weißt du das?“ Annas Stimme war brüchig. Sie wollte Fassung wahren, doch das gelang ihr nicht. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.

John starrte Anna verstört an.

„Tommy hat an den Zauber geglaubt“, sagte Kiste.

„Oh das ist nicht fair“, entgegnete Anna wütend „Er hatte keine Wahl. Du glaubst jeden Mist, wenn du neun Jahre alt und todkrank bist“

„Dein Bruder hat sich für das Land auf der anderen Seite des Regenbogens entschieden“, sagte Kiste. Ihre Stimme war fest und gleichzeitig voller Wärme.

„Ach Quatsch mit Sahne… Das ist bloss eines von diesen vielen sentimentalen Geschichten“… sagte Anna gegen die Tränen kämpfend.

„..die du für Tommy ausgedacht hast“, beendete Kiste den Satz.

Die Tränen kullerten jetzt über das Gesicht von Anna, sie zitterte am ganzen Körper.

„Okay, lass uns den Spuk beenden“, mischte sich John ein. „Kein Abenteuer heute… keine tanzenden Toaster und sprechende Flugzeuge“ John holte die Checkliste und blätterte nervös darin.

„Vielleicht steht hier irgendwo etwas über den Umgang mit Magie oder Voodoo“ murmelte er. Seine Hände zitterten, er hatte es jetzt mit der Angst bekommen .

„Geht es Tommy gut?“ fragte Anna plötzlich und schämte sich sofort ihrer Frage.

Kiste schwieg, doch das bunte Licht pulsierte jetzt intensiver.

Anna blickte einen Augenblick lang zu den Sternen. Dann erhellte sich ihr Gesicht auf ein Mal. „Somewehre over the Rainbow“, flüsterte sie. Sie zwinkerte spitzbübisch John zu und drückte auf den Knopf.

Das Flugzeug verschwand. Anna und John sassen immer noch nebeneinander und flogen durch die Lüfte. Sie hielten sich an den goldenen Hörnern eines Drachens fest. Sie hörten hinter sich Schreie und lautes Lachen. Das waren ihre Passagiere. Der Zauber hat sie alle in Kinder verwandelt. Anna und John sahen einander neugierig an. Anna hatte wunderbare Sommersprossen und eine lange rote Mähne. Sie war höchstens acht Jahre alt. John war höchstens vier, kaute genüsslich an einem Kaugummi und grinste vor sich hin. Anna lachte laut. Sie flüsterte dem Drachen etwas ins Ohr. Der Drache brummte erst bejahend, dann schoss er plötzlich nach oben, drehte eine Pirouette und begleitet von Freudeschreien der Kinder, sauste er durch die Wolken.

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